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Das Haus

Räumlichkeiten – einst und jetzt

Autor: Dr. Hermann Widmann

Außenansicht Marieluise-Fleißer-Haus

Die Tür zum Fleißerhaus.

Die schwere Tür ist auf der Innenseite als Bretterfläche, außen als Rahmen- oder Kassettentür gearbeitet. Die sparsame Ausschmückung der Türfüllungen lässt auf eine Fertigung in der Zeit des Klassizismus schließen. Allgemeine Ideen der Zeit hatten ihren Ausdruck gefunden in der Einfachheit gängiger Formen. Hier wählte man die Raute als Motiv. Seit 1861, als Andreas Fleißer das Haus erwarb, barg es eine Schmiede mit Schlosserei und Waagenbau. Eiserne Konstruktionen, große Vieh- und Kohlenwaagen und andere sperrige Teile wurden hinein und wieder heraus gezerrt. All dies ließ Spuren am Stock und am Blatt der Tür zurück. Am tiefsten aber schürften die vorstehenden Radachsen der schwer mit Eisenwaren beladenen Wägen. Die Tür hielt alledem stand. Die Wunden vernarbten und wurden mit dicker Farbe zugestrichen. . Durch die Tür haben auch bekannte Personen das Haus betreten: Walter Rüdel, Filmregisseur (1971); Siegfried Unseld, Verleger (1974); Benjamin Korn und die Schauspieler des Thaliatheaters Hamburg (1980); Helga Illich, Theater „gruppe 80“, Wien (1993); Marie Bardischewski, Schauspielerin (1994); Prof. Dr. Gérard Thiériot, Germanist, Clermont-Ferrand, und Dr. Gast Mannes, Bibliothekar, Luxemburg (1996); Franz Xaver Kroetz, Dramatiker (2007); Dr. Hiltrud Häntzschel, Publizistin (2011).


EG rechts: Museumskasse und Infopoint mit Garderobe sowie Sitzecke - Der Laden.

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Eingang zum Museum (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Der vordere und der hintere Ladenraum wurden um 1900 als Lager benutzt. Etwa 1910 ließ Heinrich Fleißer im vorderen Raum die Reste des alten Kellerhalses, des Gewölbes über der ehemaligen Kellertreppe, zurückbauen und statt dessen eine Decke einziehen. Anstelle der früheren Tür zur Straße entstand die Auslage. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden beide Räume durch eine Türöffnung zu einem Verkaufsraum verbunden. Angeboten wurden Werkzeuge und Eisenwaren für Haus und Garten, für das Handwerk und die Land- und Forstwirtschaft.

EG links: Archäologie, Handwerk und Familiengeschichte - Die Schmiedewerkstatt.

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Schmiede im Fleißer-Haus (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

In der Werkstatt wurden vielerlei Metallarbeiten ausgeführt von Schlosserei bis Waagenbau. Das Herzstück war die Schmiede mit der gemauerten Esse und davor dem schweren Amboss. Es wurde an zwei Feuern gleichzeitig geschmie¬det. Zwei oder drei Stück Eisen lagen in der Glut. Geschmiedet hat Heinrich Fleißer meist selbst. Hemdsärmlig, mit dem bodenlangen schweren Lederschurz bekleidet und der Kappe auf dem Kopf, nahm er das kirschrot- bis gelbglühende Eisen in der Zange aus dem Feuer und hielt es mit der linken Hand auf dem Amboss, die rechte führte den Hammer. Im Zweiertakt mit dem gegenüber stehenden Gesellen formten beide mit schweren Schlägen das Eisen aus. „Dingdang-dingdang-dingdang“, der Klang der Hammerschläge füllte wie helles Glockengeläut das Haus.



1. OG, Blick zur Hofseite rechts: Talent - Der alte Laden.

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Raum "Talent" (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Bis in das Jahr nach dem zweiten Weltkrieg befand sich der Laden im ersten Stock, wenn man die Treppe hinaufstieg, gleich die erste Tür rechts. Deckenhoch war der Raum eingesäumt von in mittelhellem Olivgrün gestrichenen Holzregalen. Der Großvater Andreas Fleißer hatte ihn 1861 so eingerichtet. In der Mitte stand als Verkaufstisch der ebenfalls grüne schwere Ladenbudel. Man kann sagen, der Laden war in die Wohnung mit eingebunden.



1. OG, Blick zur Hofseite links: Erfolg - Das Schreiner- und Maurerlager.

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Themenraum "Erfolg" (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

In dieser Kammer über der hinteren Werkstatt standen tiefe Regale. Sie waren schwer bestückt mit Schreiner- und Maurerwerkzeug und anderem. 1954 wurde das Lager verlegt. Der Raum erhielt ein vergrößertes Fenster und eine moderne Tür und wurde fortan als neues Wohnzimmer genutzt.



1. OG, Blick zur Straßenseite vorne rechts: Männer - Wohnzimmer.

Bild vergrößern: Ausstellungsraum zu den Männern Marieluise Fleißers.
Raum "Fleißers Männer" (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Gleich rechts im Eck stand ein sogenannter Sesselofen, ein Dauerbrenner, welcher im Winter Tag und Nacht geschürt wurde und der die Wohnung bacherlwarm hielt. Links daneben kam das Sofa, um das Eck herum der Sessel, der nach Bedarf hin und her geschoben wurde, und nach vorne bis zum Fenster der Tisch mit der Eckbank und den Stühlen. Hier im Wohnzimmer traf sich die Familie zu den Essenszeiten, und am Abend setzte man sich gemütlich zusammen. Was man damals halt so tat am Abend: sie unterhielten sich, sie lasen oder sie handarbeiteten, sie schrieben Briefe, und sie erzählten sich Geschichten aus der neuen und der alten Zeit.

1. OG, Blick zur Straßenseite, vorne Mitte: Anerkennung - Nebenzimmer.

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Ausstellungsraum "Anerkennung" (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössel)

Im Nebenzimmer schliefen die Fleißerkinder, solange sie klein waren. Marieluise Fleißer und ihre Schwestern spielten gerne mit den Puppen Theater. In den Türstock zum Wohnzimmer bauten sie eine Stellage ein. Die Puppenstube wurde hinaufgestellt und diente nun als Bühne, und ein grüner Samtvorhang verdeckte das ganze. Die Nachbarskinder kamen und durften gegen einen Obulus von einem Pfennig zuschauen. Zwei Tage vor dem Heiligen Abend wurde die Tür zum Wohnzimmer dann zugesperrt. Direkt dahinter stand nun der Christbaum. Wie aufregend war es für die Fleißerkinder, wenn sie am Abend schon im Bett lagen und durch den Türspalt im Wohnzimmer das Licht sehen und Geräusche hören konnten, weil das "Christkind" seine Arbeit tat.

1. OG, Blick zur Straßenseite, vorne links: Sprache - Schlafzimmer.

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Ehemaliges Schlafzimmer der Familie Fleißer (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Das Schlafzimmer der Familie Fleißer. Raumfüllend mit dem Kopf zur Außenwand stand das Bett der Eltern mit hohem Kopf- und Fußteil aus dunklem Nußbaumholz und daneben beide Nachtkästchen. Über dem Bett hingen zwei große Stahlstiche aus der Zeit des Jugendstils mit religiösen Motiven. Nach links kam der Schrank, auf der anderen Seite die Spiegelkommode. Hier im Schlafzimmer erblickten alle Fleißerkinder das Licht der Welt. Marieluise Fleißer wurde in diesem Zimmer am 23. November 1901 geboren.


1. OG, Blick zur Straßenseite, in der Hausmitte rechts: Isolation - Die Küche.

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Ausstellungsraum "Isolation" (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Der Raum erhielt sein Licht durch ein zweiflügeliges Fenster zum Wohnzimmer. Rechts daneben befand sich in den 1930er Jahren ein Kohleherd, später ein Gasherd, flankiert durch Unterschränke mit Arbeitsplatten. Gegenüber stand ein großes Buffet und an der Rückseite ein Glasvitrinenschrank. Täglich wurde frisch gekocht, nicht nur für die Familie, auch für die Gesellen und Lehrbuben in der Werkstatt und zum Teil auch für die Mitbewohner im Haus. Zur Mittagszeit roch es im Gang oft ganz verführerisch, und die körperlich schwere Arbeit eines Schmiedes machte hungrig. Wenn Heinrich Fleißer aus der Werkstatt dann die Treppe hochgestiegen kam, führte der erste Weg ihn direkt in die Küche. Er wollte sehen, was zubereitet war. Die Lieblingsspeise aber gab es erst am Sonntag: Boeuf á la mode.

1. OG, Blick zur Straßenseite, in der Hausmitte links: Sprache kreativ - Das ehemalige Badezimmer.

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Raum "Sprache kreativ" (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Das Badezimmer war ein kleiner Raum gegenüber der Küche, der nach Entfernung der Zwischenwand heute Teil des Schlafzimmers ist. Um 1900 stand neben dem Schrank eine mit einer Steinplatte bedeckte Waschkommode und darauf eine Waschschüssel und der Krug. Zum allwöchentlichen Familienbadetag am Samstag holte man die verzinkte Blechbadewanne von oben aus dem Speicher herab. Die allgemeine Entwicklung des Badezimmers machte auch vor dem Fleißerhaus nicht halt. Schon wenige Jahre später ließ Heinrich Fleißer einen neuartigen Kohlebadeofen und eine große gusseiserne und emaillierte Wanne einbauen. Den Badetag behielten sie bei.



2. OG, Blick zur Straßenseite, links, Veranstaltungsraum - heute linkes Drittel des großen Saales.

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Treppe zum zweiten Stock (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Um das Jahr 1900 war das Zimmer Teil der Wohnung der Großeltern Andreas und Franziska Fleißer. Nach deren Tod, ab Ende 1906, lebte hier die Tante Nandl, die zurückgebliebene Pfarrhaushälterin des ebenfalls verstorbenen Pfarreronkels Christian Fleißer aus Rottenegg. Dann avancierte es zum Mädchenzimmer, zunächst für die drei älteren, für Anni, Luis und Jetti, und nach dem Wegzug der beiden älteren auch für Ella. Durch das Fenster hatte Marieluise Fleißer den Blick zu dem in der Geschichte "Die Dreizehnjährigen" beschriebenen Schulhof und in den Bäckerhof, und hier an ihrem Schreibtisch schrieb sie verschiedene Erzählungen, u. a. "Der Apfel", "Die Stunde der Magd" und "Abenteuer im englischen Garten" (1925), "Ein Pfund Orangen" und "Die Ziege" (1926), und "Schlagschatten Kleist" (1934).

2. OG, Hofseite, kleine Dachterrasse - Altane.

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Altane (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Bei dem um 1910 erfolgten Umbau des Hauses ließ Heinrich Fleißer den alten Stall aus früheren Zeiten entfernen und statt dessen ein Rückgebäude errichten, unten mit der Waschküche, darüber dem Büro, und nach hinten an beide anschließend die über zwei Etagen reichende hohe Eisenkammer. Ein Blechdach mit Geländer bedeckte das ganze. In Marieluise Fleißers Erfolgsstück "Fegefeuer in Ingolstadt" wird die Altane in der fünften Bildfolge zum Bühnenbild. Eine Handvoll junger Akteure um die Hauptfigur Olga Berotter ereifert sich in heftigen gegenseitigen Anschuldigungen. Unter dem Einfluss des Alkohols enthemmt, fällt die Gruppe schließlich geschlossen über den Außenseiter Roelle her, greift ihn und taucht ihn tief ins Wasserfass.

2. OG, Blick zur Straßenseite, rechts: Veranstaltungsraum - heute rechtes und mittleres Drittel des großen Saales.

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Moderner Veranstaltungsraum im historischen Fleißer-Haus (Foto: Zentrum Stadtgeschichte / Rössle)

Der bei der Renovierung neu entstandene Saal war zuvor ähnlich aufgeteilt wie im ersten Stockwerk, rechts das Wohn- und Nebenzimmer, links das Schlafzimmer. Hier lebten um 1900 die Großeltern Andreas und Franziska Fleißer. Etwa 1915 zog dann die mittlerweile verwitwete mütterliche Großmutter Theresia Schmidt ins Haus, die Schwiegermutter Heinrich Fleißers. 1930 bis 1934 gingen die Wohnräume an den Elsässer Kurz, Redakteur und nationalistisch-antisemitischer Scharfmacher der Stadelmeier'schen Tageszeitung "Ingolstädter Tagblatt". Ihm folgte das jüdische Ehepaar Paini. Der aus Trient gebürtige Magier Dario Paini war als "Hofkünstler" vor allerhöchsten Kreisen aufgetreten und faszinierte sein Publikum auf unnachahmliche Art durch Gedankenlesen und verblüffende Taschenspielerkunststücke. Die Familie Fleißer hat ihn als sehr feinen Herrn in Erinnerung.