Marieluise Fleißer in hundert Sekunden - Textvorlage zu Folge 3/2026
Beteiligte Personen
Texte verfasst von Dr. Martina Neumeyer.
Erkennungsmeldodie komponiert und intoniert von Carola Schlagbauer und von Holger Stiller.
Texte gesprochen von Ingrid Cannonier und Sascha Römisch.
Text zur Folge
Sascha Römisch: Welche Kurzschlusshandlung beging Marieluise Fleißer, die im Brechtkreis bekannt war für ihre Bedachtsamkeit?
Ingrid Cannonnier: Unbedacht wie ich auch manchmal war, ergab ich mich nach den durch meine Pioniere verursachten Turbulenzen des Theaterskandals im Mai 192 ergab ich mich den exquisiten Eroberungsanstrengungen eines Exzentrikers namens Draws-Tychsen.
Sascha Römisch: Vermutlich wegen des Fleißer‘schen Faibles für Menschen mit nicht alltäglichem Format?
Ingrid Cannonnier: Bestimmt sogar. Diese meine Schwäche gab Draws seine Stärke, mich, die selbständig und selbstbewusst schreibende Frau zur treudoofen Tippmamsell für seine tollpatschigen Texte zu degradieren … und mich das ‚schwache Weib‘ nach alter Macho-Manier ihm, dem ‚starken Mann‘ zu unterjochen.
Sascha Römisch: Draws Ezentrik war wohl nur das Mini-Feigenblatt für seine Maxi-Männlichkeitswahn?
Ingrid Cannonnier: Richtig. Von Draws intellektuell ausgebrannt, körperlich und nervlich ans Limit gebracht, finanziell ruiniert flüchtete ich mich im Herbst 1932 aus Draw‘scher Drangsal nach Ingolstadt in die fürsorgliche Geborgenheit meines Vaters. Unter Schutz und Schirm meines Vaters fand ich Ende 1934 sogar die Kraft, die nun durch Briefterror betriebene bedrückende Beziehung zu Draws durch einen barschen Brandbrief zu beenden.
Sascha Römisch: Gut gemacht!
Ingrid Cannonnier: Im Spätsommer 1935 erfüllte ich dann auf Drängen meines Vaters den Heiratswunsch meines Jugendfreundes Bepp Haindl, einem geldigen Geschäftsmann, dem jede Exzentrik fremd war. Hauptgrund für meine Heiratswilligkeit war: Bepp Haindl hatte mir vor der Eheschließung versprochen:
Sascha Römisch: Ins Tabakgeschäft musst Du niemals. Dort hab ich ja schon eine versierte Verkäuferin. Für die Haushaltsführung engagiere ich Dir eine Hilfe. Dafür, dass Du genug Freizeit und Freiraum für Deinen Schreibwunsch haben wirst, werde ich auf jede mir mögliche Weise sorgen.
Ingrid Cannonnier: Doch schon am Tag nach der Hochzeit brach mein Ehemann sein voreheliches Versprechen. Ab sofort musste ich tagsüber putzende, kochende Hausfrau sein und kundenfreundliche, gewinnbringende Verkäuferin sein. Denn mein Ehemann sagte mir:
Sascha Römisch: Schreiben so lang, so oft, so viel Du willst, kannst Du ja in der Nacht!
Ingrid Cannonier: Das tat ich auch. Bis 1945, also den ersten 10 Jahren meiner Ehe arbeitete ich jede Nacht an einem tragischen Historienstück über den englischen König Karl Stuart. Durch das Verfassen von sechs Fassungen meiner Königstragödie produzierte ich einen circa 90cm hohen Stapel aus von mir engzeilig getippten DIN-A4-Seiten voll mit Karl Stuart. In den letzten Kriegsmonaten, also im Frühjahr 1945, schrieb ich – dagegen in einem Schwung – meine Komödie Der starke Stamm. Sofort nach Kriegsende bot ich beide Stücke bayerischen Theatern zur Aufführung an.
Sascha Römisch: Gnädige Frau: Zu unserem größten Bedauern können wir Ihren Karl Stuart nicht zur Aufführung bringen. Gründe dafür sind: sein deprimierend-trister Inhalt und sein hoher Personalaufwand.
Ingrid Cannonier: Auch wegen der vielen Kriegsschäden an Theaterbauten und wegen der vielen Kriegstoten in den Theaterensembles, hatte meine Tragödie Karl Stuart keine Chance – wie die ansehnliche Anzahl von Absagen aussagte. Mehr Glück versprach der Befehl der Besatzer:
Sascha Römisch: Pflicht der Theaterleute heute ist es: den Besetzten zu wiederaufbaufördernder Fröhlichkeit und Gutlaunigkeit durch Komödien zu verhelfen.
Ingrid Cannonier: Dass dieser Befehl der Besatzer meine Komödie Der Starke Stamm auf die Bühne bringen könnte und würde, hoffte ich.
© Dr. Martina Neumeyer