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Marieluise Fleißer in hundert Sekunden - Textvorlage zu Folge 2/2026

Beteiligte Personen

Texte verfasst von Dr. Martina Neumeyer.

Erkennungsmeldodie komponiert und intoniert von Carola Schlagbauer und von Holger Stiller.

Texte gesprochen von Ingrid Cannonier und Sascha Römisch.

Text zur Folge

Ingrid Cannonnier: Begeisterung für die Bretter, die die Welt bedeuten … Sie war die Ursache für sein Unternehmen „Junge Bühne“! Moriz Seeler war ein idealistischer Theaterenthusiast! Er hatte mich aufgefordert zu den Proben meines Stücks und zur Premiere unbedingt nach Berlin zu kommen.

Sascha Römisch: Ja! Trotz des mir nachgesagten Geschäftssinns eines Schmetterlingssammlers gelingt es mir, immer wieder neue geldige Geschäftsleute als Geldgeber für meine ‚Junge Bühne‘ zu gewinnen. Das gesammelte Geld benutze ich, der Seeler, für die je nur einmaligen Aufführungen der ‚Jungen Bühne‘ einen großen, renommierten Theatertempel anzumieten. Denn Gage zahle ich meiner für jede neue Aufführung und je nach Bedarf des aufzuführenden Stücks neu zusammengesetzten Truppe aus ebenso bekannten wie begabten Schauspielern nicht. Denn ein Auftritt auf und mit der ‚Jungen Bühne‘ bringt den Mitwirkenden geldwerte Aufmerksamkeit in Form von neuen Auftrittsangeboten anderer berühmter Bühnen.

Ingrid Cannonnier: Für die Aufführung meines ersten Stücks hatte Moriz Seeler das Deutsche Theater in Berlin angemietet. Ab dem 21. April 1926 war ich dort bei den letzten Proben dabei … und auch Bert Brecht.

Sascha Römisch: Warum war der Brecht dabei?

Ingrid Cannonnier: Brecht wollte damals seine Theaterrevolution veranschaulichen mit meinem Stück … und zwar – zum Entsetzen Seelers und der Schauspieler – durch seine massiven Streichungen in meinem Theatertext. Statt wie andere Autoren gegen die Brecht‘schen Striche zu kämpfen, kämpfte ich – zum Entsetzen Seelers und der Schauspieler – für die Brecht’schen Striche. Am Ende der Hauptprobe am Samstagnachmittag war alles, was die Schauspieler und der Regisseur gemeinsam ausgearbeitet hatten, ausgemerzt. Ich fand mich schon ab mit dem Fehlstart meines Fegefeuers.

Sascha Römisch: Aber:
um die Sonntagsmatinee nicht ausfallen lassen zu müssen, arbeitete ich – Paul Bildt, der Regisseur – während der Samstagsnacht aus den Textresten aus der Hauptprobe bis Sonntagmorgen eine neue Fassung des Fleißer‘schen Fegefeuers. Diese meine Version probte ich mit den eilends einbestellten Schauspielern ab 6.30 Uhr … und – was ich ebenso fesch wie forsch fand – ohne Pause vor der Matinee verlebendigte die Schauspielertruppe ab 11 Uhr virtuos meine Fassung des Fleißer‘schen Fegefeuers.

Ingrid Cannonnier: Dank der Bildt‘schen Regie, durch die die Schauspieler dem Fegefeuer alle erdenklichen Eindringlichkeiten und alle denkbaren beklemmenden Befindlichkeiten abrangen, wurde die Aufführung zu einem erheblichen Erfolg.

Sascha Römisch: Die Aufführung wurde vom Publikum frenetisch bejubelt. Auch die Autorin, die sich scheu und schüchtern nach dem Fall des Schlussvorhangs auf der Bühne verbeugte, wurde begeistert beklatscht.

Ingrid Cannonnier: Aus dem Publikum hörte ich rufen:

Sascha Römisch: Applaus für die Fleißer, Applaus für dieses Fräuleinwunder! Auch die Publizisten der Tageszeitungen verbreiteten dann mit Begeisterung in ihren ausführlichen Artikeln die gleichen Parolen.

Ingrid Cannonnier: Selbst die beiden Kritikerpäpste – Alfred Kerr und Herbert Ihering – die stets ihre spitzen Federn kultiviert kreuzten, äußerten mit gleichen Worten, aber doch im Gleichklang

Sascha Römisch: Seit Sonntag strahlt ein neuer Stern am Literaturhimmel!

Ingrid Cannonier: Ich, die Schriftstellerin aus der Kleinstadt war dieser neue Stern, ja Star in der Hauptstadt. Das verwunderte mich, dass frischgekürte Fräuleinwunder.

© Dr. Martina Neumeyer