Marieluise Fleißer in hundert Sekunden - Textvorlage zu Folge 5/2026
Beteiligte Personen
Texte verfasst von Dr. Martina Neumeyer.
Erkennungsmeldodie komponiert und intoniert von Carola Schlagbauer und von Holger Stiller.
Texte gesprochen von Ingrid Cannonier und Sascha Römisch.
Text zur Folge
Ingrid Cannonnier: Das Wunder, das ich 65-jährige, erleben durfte, bewirkte eine junge Frau namens Ruth Drexel. Sie hatte als Schauspielschülerin in München meinen Starken Stamm begeistert beklatscht. Die damalige Begeisterung bewegte sie 1966, als sie an der Schaubühne in Berlin engagiert war, die dortige Theatertruppe dazu zu bringen, dieses kritische Volksstück auf den Spielplan zu setzen. Am 5. Februar 1966 begeisterte in Berlin mein Starker Stamm durch Drexels brillante Spiel und Müller-Hagens glänzende Regie das Publikum ebenso wie die Publizisten. Die anschließende Premierenfeier endete im Morgengrauen mit der Lektüre der Lobeshymnen auf die Abendaufführung in den Morgenzeitungen. Alle namhaften Berliner Kritiker waren sich darüber einig:
Sascha Römisch: Marieluise Fleißer ist eine Komödiantin erster Klasse. Sie hat die mutige Herzlosigkeit und den entlarvenden Blick, vor allem die souveräne Sprachkunst eines echten Komödienschreibers. Dadurch ist ihr Starker Stamm meilenweit entfernt vom platten Volksstücksklamauk und von weißblauer Heimatschönfärberei. Marieluise Fleißer serviert mit ihrem Starken Stamm ein herzhaft humoriges Stammgericht, das Appetit macht auf mehr, mehr, mehr.
Ingrid Cannonnier: Mit den drei jungen Männern, die die mich preisenden Passagen besonders beklatscht hatten, machte mich Ruth Drexel bekannt. Sie stellten sich mir vor als Verfasser kritischer Volksstücke und nannten mir ihre Namen
Sascha Römisch: Martin Sperr
Ingrid Cannonnier: der in mir sofort mütterliche Sympathie weckte,
Sascha Römisch: Franz Xaver Kroetz
Ingrid Cannonnier: der mir spontan sympathisch war,
Sascha Römisch: Rainer Werner Fassbinder
Ingrid Cannonnier: der in mir ansehnliche Abneigung auslöste. In Weißglut versetzte er mich dann, als ich zwei Jahre später im Donaukurier die Annonce las:
Sascha Römisch: Am 18. Februar 1968 zeigt das Action-Theater in München die von Rainer Werner Fassbinder gefertigte Szenenmontage Zum Beispiel Ingolstadt.
Ingrid Cannonnier: für die Fassbinder – wie vier Jahrzehnte zuvor – schamlos meine Pioniere ausgeschlachtet hatte. Als Gegenwehr gegen Fassbinder, den aggressiven Ausschlachter veranlasste ich noch am gleichen Tag meinen energischen – verbotsgleichen – Einspruch im Donaukurier und in der Süddeutschen Zeitung. Daraufhin traute sich der Frechdachs Fassbinder doch die
Sascha Römisch: Verehrte Frau Fleißer einzuladen zur Hauptprobe, um Ihnen zeigen zu können, dass und wie wir begabt sind.
Ingrid Cannonier: Nach meiner tatsächlichen Teilnahme zog ich meinen Einspruch zurück mit der Begründung: ‚Ich will den jungen begabten Leuten nicht im Weg stehen‘.
Sascha Römisch: Danke auch im Namen der Truppe des action-Theaters!
Ingrid Cannonier: Drei Jahre später versetzte mich Fassbinder wieder in Panik … und zwar durch die vom ZDF ausgestrahlte Verfilmung seiner Szenenmontage. Da diese Sendung auch die Ingolstädter sehen können würden, erwartete ich 1971, das Gleiche wie 1929, nämlich dass ich beleidigt, beschimpft und bespuckt werden würde. Doch es kam ganz anders. Die Ingolstädter ließ damals diese Sendung völlig kalt. Mir brachte sie ganz warmen Regen in Form eines haushohen Honorars und die Vermehrung von Ansuchen um Aufführungserlaubnis und zwar
Sascha Römisch: 1971 für die Pioniere vom Residenztheater in München und vom Stadttheater in Ingolstadt sowie ab 1972 von zahlreichen Bühnen im deutschsprachigen Raum, zudem 1970 schon für das Fegefeuer von den Wuppertaler Bühnen, an denen auch Ruth Drexel tätig war.
Ingrid Cannonier: Deshalb wurden seit damals Reisen wegen Teilnahme an Proben und wegen Besuch von Premieren zu meiner Lieblingsbeschäftigung.
© Dr. Martina Neumeyer