Marieluise Fleißer in hundert Sekunden - Textvorlage zu Folge 1/2026
Beteiligte Personen
Texte verfasst von Dr. Martina Neumeyer.
Erkennungsmeldodie komponiert und intoniert von Carola Schlagbauer und von Holger Stiller.
Texte gesprochen von Ingrid Cannonier und Sascha Römisch.
Text zur Folge
Sascha Römisch: Heute ist zu erfahren von Erstaunlichem an einem Frühlingsmorgen
Ingrid Cannonnier: Die Fleißer Luis aus der Kupferstraße wurde zum Fräuleinwunder in der Kulturszene!
Sascha Römisch: Wer und was verursachte diese Verwandlung?
Ingrid Cannonnier: Ich, die Fleißer und mein Erstling Fegefeuer in Ingolstadt.
Sascha Römisch: Respekt! Warum wird ein Fräulein in der Provinz zur Verfasserin eines in der Hauptstadt durch Publikum hochgeschätzten und durch Publizisten hochgelobten Theaterstücks?
Ingrid Cannonnier: Das ist eine lange G'schicht! Fünf Jahre war ich alt, als meine Großmutter mir bei einem Spaziergang ein großes Gebäude zeigte und es bei seinem Namen nannte: Theater. Seit damals hat mich dieses Wort nicht verlassen.
Sascha Römisch: Theater, Theater, Theater – Davon kommt keiner los
Ingrid Cannonnier: Als ich als Kind das erste Mal eine Theateraufführung er besuchte, bewirkte es in mir einen Rausch. Dann später als ich Internatszögling in Regensburg war, pumpte ich mich auf meinen Heimaturlaub in allen Ferien voll mit dem Rauschmittel „Theatergenuss“. Als ich dann in München Theaterwissenschaft studierte, musste ich nach Wunsch und Willen meines Professors Kritiken von Stücken auf der Bühne, Essays über den Entstehungsprozess hinter der Bühne liefern.
Sascha Römisch: Hoffentlich nicht in akademisch-abgehobener, sondern in theaterpraktikabler Manier!
Ingrid Cannonnier: Schließlich begann ich ganz heimlich und ganz allein mein erstes Theaterstück zu schaffen. Dieser mein Erstling war Etwas von mir erstelltes Eignes. Seine Handlung bot die Verwirrungen von pubertierenden, verursacht von der niederdrückend einengenden Kleinstadtdumpfheit und verklemmt-katholischen Vorstellungen. Meinen Theaterversuch zeigte ich, als ich ihn für fertig hielt, meinem literarischen Ziehvater Lion Feuchtwanger, damals erfolgreichem Theaterautor und einflussreichem Theatermacher.
Sascha Römisch: Deine Talentprobe halte ich für aufführungswürdig. Deshalb gab ich das Fleißer‘sche Theaterstück weiter an seinen literarischen Ziehsohn Bert Brecht mit dem Auftrag: Brecht bring es auf die Bühne und zwar in einer aufmerksamkeitsträchtigsten Aufführung!
Ingrid Cannonnier: Brecht fand ihn – nach für mich Ungeduldige unheimlich langer Zeit
Sascha Römisch: Die ‚Junge Bühne‘ in Berlin.
Ingrid Cannonier: Von deren Begründer namens Moriz Seeler erhielt ich am 31. März 1926 einen Brief mit der Einladung zu Proben und zur Premiere meines ersten dramatischen Experiments. Besonders erfreute ich mich zu lesen vom eminenten Eindruck, den mein Erstling machte auf alle Beteiligten.
Sascha Römisch: Ich sowie der Spielleiter und die Schauspieler, die deshalb mit Enthusiasmus für die Erstaufführung des Fegefeuers arbeiten – Wir alle halten ihren Erstling für eine ganz große Dichtung!
© Dr. Martina Neumeyer